Sonntag, 1. April 2012

Unliebsame Entdeckungen

Nach dem Abendbrot griffen wir gestern wieder zur Büchse und gingen hinunter zum nächtlichen Ansitz am Bach, in der Hoffnung, dass der Löwe, dessen Spuren wir in der Nähe des Eselpferches bemerkt hatten, seinen Besuch wiederhole. Ein Ochsenfrosch quakte, Leuchtkäfer schwirrten über das Wasser, sonst herrschte grosse Stille und tiefe Dunkelheit. Dann machten wir die unliebsame Entdeckung, dass wir unsere Laternen nicht zum Brennen bringen konnten, was uns veranlasste, schleunigst die Böschung hinaufzuklettern, um in ziemlicher Eile zum Lager zurückzukehren, während wir hinter jedem Busch einen Löwen vermuteten. Die drückende Stille wurde durch ein Gewitter unterbrochen, und mitten in der Nacht stürzte unter Krachen und Knacken das Zelt über unsern Köpfen zusammen. Der Regen strömte hernieder. Obgleich wir das Zelt nicht wieder aufzurichten vermochten, konnten wir doch darunter schlafen. Wir hatten vergessen, die Zeltleinen zu lockern, und der Regen hatte sie so stark gespannt, dass sie den Zeltpfosten gekrümmt und schliesslich gebrochen hatten. Die Bruchstelle war so schräg, dass der Pfosten am Morgen bald provisorisch repariert war. Für heute war ein Marsch vorgesehen, aber zu der Verspätung, welche die Gewitterschäden verursacht hatten, kam noch Brovies Entdeckung, dass die Zebradecke begonnen hatte in Fäulnis überzugehen. Mvanguno, der für die Häute verantwortlich war, behauptete zwar, sie seien alle fertig zum Verpacken, doch da nun das Zebra verdorben war, sah Brovie auch die übrigen Häute nach und stellte fest, dass auch das Warzenschwein ruiniert war. Die Warzen waren nicht aufgeschlitzt worden, wie es sich gehörte, und wir mussten das Fell fortwerfen. Das war ein harter Schlag. Es war nicht nur schade um die vergebliche Mühe und die schönen Felle, es zeigte uns auch, dass Mvanguno keineswegs so zuverlässig war, wie es geschienen hatte. Man kann keinem Eingeborenen, und sei er noch so geschickt, einen verantwortlichen Posten anvertrauen. Es war ein Jammer, dass ich von der Arbeit nichts verstand und nicht selbst die Anzeichen der beginnenden Fäulnis zu erkennen vermocht hatte. Ich kann es wohl noch lernen, doch wenn Mvanguno mit all seiner Erfahrung sich als unbrauchbar erwies, wie viel weniger kann ich da helfen. Aber den ganzen Tag jagen, nachts auf dem Ansitz sein und daneben noch die Trophäen zu überwachen ist mehr, als ein einzelner leisten kann. Dennoch wurmt es mich, dass mein Anteil an der Expedition so bescheiden ist. Ich bin Verpflegungsoffizier und ausserdem noch —schlecht und recht, so gut es eben geht—Schiffsarzt und Photograph. Nicht einmal schiessen kann ich, und so unentbehrlich bin ich nicht, als dass ich nicht gerade so gut hätte daheimbleiben können.

Kommentare:

  1. Liebe Vivienne
    Endlich kommen wir wieder einmal dazu dir etwas zu schreiben. Wir haben über Brovies Reaktion in der Klasse diskutiert und waren mehrheitlich der Meinung, dass sie 1920 wohl gang und gäbe war. Schwarze waren Menschen die man als Diener und Träger hatte, aber sie waren den Weissen nie gleichgestellt. Wir hoffen, dass dieses Ereignis einmalig bleibt. Wir waren diese Woche noch in den Ballettproben und haben schon ein bisschen vom Stück erkennen können, aber es ist noch viel Arbeit bis zur Premiere. Bitte sei nicht traurig, wenn wir in den nächsten zwei Wochen nicht schreiben: Wir haben Ferien, Juhuii! Dann werden wir dir auch noch die anderen Fragen beantworten.

    Pass auf dich auf!

    Die Premierenklasse 7c

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  2. Liebe Premierenklasse,

    Danke für Eure Antworten. Ich freue mich auf weitere Gespräche mit Euch nach den Ferien. Habt eine abenteuerliche Zeit!

    Vivienne

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    1. Das klingt ja sehr schlimm!
      Wurde den Mvuango danach gefeuert?
      Wie teuer ist etwa so ein Fell?
      Bitte weiterschreiben! (Sehr Spannend)

      Jonah Jost, Premierenklasse 7c

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